Theodor Mommsen

1817 – 1903

Weil wir nun schon die ersten Gläser nippten

Und rings sich die Philister auch zerstreuen,

So les’ ich aus dem Liederbuch, dem neuen,

Die Rhythmen, die zu schlingen wir beliebten.

 

Fremd blieben wir in Schiras und Egypten,

Denn unsre ganze Kunst ist, mit den treuen

Gesellen uns am guten Tag zu freuen,

Zu weinen wiederum mit den Betrübten.

 

Wohl habt ihr Recht, daß unsre Lieder anders

Noch klingen sollen, daß sie klingen werden

Wie Schwerterklang vom Ufer des Skamanders.

 

Doch ist es noch nicht Zeit sich zu geberden,

Als trügen uns die Planken eines Branders,

Denn seht! wir mauern jetzt noch in der Erden.

 

 

 

 

Theodor Mommsen               In das Stammbuch einer Verstorbenen

1817 – 1903

Wie blau der Tag ist! Diese Junischwüle,

Das liebe Grab, mit Kränzen fast verhangen,

Sie mahnen mich, wo du hinabgegangen –

Du ruhst wohl gut in deiner tiefen Kühle!

 

Man darf kein Blatt vertraun dem letzten Pfühle,

Soll nicht der Tod den Schreiber nachverlangen;

Sonst hätten wohl sie zu den bleichen Wangen

Gelegt die Zeugen inniger Gefühle.

 

Und wie sie legte aus den Händen nieder

Die Blätter, die zum letzten Mal gereihten,

So liegen sie – auch meines find’ ich wieder.

 

Des Lebens ist, was oben blieb! Die Seiten,

Die weißen, haben Platz für manche Lieder;

Die Blätter nehm’ ich, die vom Tod geweihten.

 

 

 

 

Theodor Mommsen               Sonett

1817 – 1903

Wie mich die eignen bösen Geister faßten,

Jagten vorbei den grünenden Gehegen,

Vorbei der Felder junischwerem Segen

Sie mich wie Ahasver der Gottverhaßten.

 

Todtmüde war ich wohl, doch mußt’ ich hasten,

Um zu entfliehn des Herzens schweren Schlägen.

Ich wollte auf des Friedhofs Stein mich legen,

Doch bei den Todten durft’ ich noch nicht rasten.

 

Da sank die Sonne an dem letzten Hügel,

Es duftete zum Himmel jede Dolde

Und Lied und Liebe regten ihre Flügel.

 

Die Träume flohen vor dem Sternengolde,

Das wiederschien im tiefen wellenspiegel

dem Liede gleich von Tristan und Isolde.

 

 

 

 

 

Theodor Mommsen               Eduard Mörike

1817 – 1903

Vorüber fluthen stolz des Elbstroms Wellen,

Die Schiffe tragend mit dem goldnen Horte –

Der Reichthum wohnt hier wohl am weiten Porte,

Allein der Friede weilet bei den Quellen.

 

So will der Strom der Dichtung auch sich schwellen

Und weiter strebt er von der stillen Pforte,

Wo Blumen wuchsen am verborgnen Orte

Und wo am Waldsaum gaukelten Libellen.

 

Ach! wir sind oft anmuthig, oft erhaben,

Allein Gervinus stellt uns zu der Prose,

Und Recht behält er, sind wir erst begraben.

 

Da fand ich in dem eignen Bett von Moose

Erblühend im geheimsten Thal von Schwaben

Des reichen Liedersommers letzte Rose.